HAPAG Nachfolger

Der 12. April 1913 war der Geburtstag der Emder Verkehrsgesellschaft Aktiengesellschaft (EVAG), die am 21.4.1913 mit einem Stammkapital von drei Millionen Mark in das Handelsregister, Abteilung B, eingetragen wurde: 

„Gegenstand des Unternehmens: Die Förderung von Handel, Industrie und Verkehr in Emden und der Betriebe aller solcher Handelsgeschäfte, die diesem Zwecke dienen". „Der Gesellschaftsvertrag ist am 12. April 1913 festgestellt. Die Gesellschaft wird, falls der Vorstand nur aus einem Mitglied besteht, von diesem allein, falls der Vorstand aus mehreren Mitgliedern besteht, von je zwei Mitgliedern vertreten. Die Zeichnung der Firma kann im ersteren Falle unter Zustimmung des Aufsichtsrats auch von zwei Prokuristen und im zweiten Fall auch von einem Vorstandsmitglied und einem Prokuristen erfolgen.“
(Handelsregistereintragung vom 21. April 1913).

Der erste Vorstand wurde gebildet von Herrn Kowalsky und Herrn Dr. Welti. Geschäftsleiter wurde Dr. Nicolai, der von seiner HAPAG Niederlassung in China (Tsingtao) nach Emden abberufen wurde.  Im ersten Aufsichtsrat saß kein geringerer als Albert Ballin selbst.

Die Aufgaben des jungen Unternehmens waren von vornherein fest vereinbart: „Die Gesellschaft wird die Vertretung der Hamburg-Amerika Linie in Emden übernehmen, sich aber daneben durch eigene Tätigkeiten oder Förderung anderer Unternehmen die allgemeine geschäftliche Entwicklung Emdens angelegen sein lassen." (HAPAG-interne Zeitung vom 20 April 1913). 

Ergänzend dazu heißt es in einem Brief vom 16. Januar 1914 an das Zollamt Emden:  
"Zwischen der EVAG und der WTAG. wird ein Abkommen getroffen, das die gegenseitige Unterstützung der beiden Gesellschaften und die Hebung des Verkehrs von Emden nach Übersee bezweckt.  Die W. T. A. G. übernimmt die Akquirierung von Gütern in Dortmund und Umgebung für die von der EVAG in Emden vertretenen Dampferlinien ... Die EVAG verpflichtet sich, alle Transporte über die sie verfügt und die den Weg über den Dortmund-Ems-Kanal nehmen können, der W. T. A. G. anzubieten."  

Vertreter der rheinisch-westfälischen Industrie haben sich, ebenso wie Albert Ballin, bereit erklärt, dem Aufsichtsrat beizutreten, welcher später durch den bereits erwähnten geheimen Regierungsrat Fürbringer ergänzt wurde.   

Das neue Geschäft sollte durch den Passagierdampfer MS „Rugia“ am 2. Mai 1914 eröffnet werden. Das Schiff sollte von Emden aus mit sechs- bis siebenhundert Auswanderern nach Philadelphia in See stechen. Die „Rugia“ galt einst als der größte auf einer deutschen Werft erbaute Fracht- und Passagierdampfer. Im Auftrag der HAPAG lief er mit einer Bruttoregisterzahl von 6598 Tonnen im Jahre 1905 von der Vegesacker Werft – Bremer Vulkan vom Stapel und erreichte eine Geschwindigkeit von 13 Meilen pro Stunde. 

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden sieben weitere Auswandererschiffe zur Abfertigung in Emden angekündigt, von denen jedoch nur insgesamt sechs Schiffe vor dem generellen Auslaufverbot des Ersten Weltkriegs (Mobilmachung vom 2. 8. 1914) auf die große
Reise gingen: 
  • 2. Mai – Rugia
  • 3. Juni – Prinz Oskar
  • 12. Juni – Chemnitz
  • 2. Juli – Prinz Adelbert
  • 10. Juli – Breslau
  • 24.  Juli – Prinz Oskar

Die Norddeutsche Lloyd avisierte ebenfalls Schiffsreisen 7. August und 14. August. Die Rugia diente während des Ersten Weltkriegs der kaiserlichen Marine in Emden als Wohnschiff. 

Das Unternehmen entwickelte sich während des Krieges in der Tat prächtig. Schon kurz nach der Gründung übernahm die EVAG die zuvor mit der HAPAG geschlossenen Verträge über die gepachteten Anlagen am Außenhafen. 

Auf dem bereits erwähnten Grundstück wurde mit dem Bau des EVAG-Gebäude begonnen. Entworfen wurde es im hanseatischen Baustil (Backsteinexpressionismus) von dem Architekten Professor Höger, der sich durch das Chile-Haus in Hamburg einen Namen gemacht hat. Schön sind auf dem Bild des Gebäudes Werbeplakate für Reisen zu erkennen, die später im hauseigenen Reisebüro gebucht werden konnten.

Das großzügig dimensionierten Gebäude wurde zunächst nicht ausschließlich von der EVAG genutzt. Während die EVAG das Erdgeschoss nutzte, wurden die weiteren Geschosse u. a. vom Arzt Dr. Kretschmer genutzt und mit seiner Familie bewohnt. Über einen Nebeneingang, der heute noch zu sehen ist, erreichten Patienten seine Praxis. In einer weiteren Wohnung wohnte der damalige Oberbürgermeister Dr. Mützelburg mit seiner Familie. Diese Vermietungen erklären, weshalb auch heute noch in einem modernen Bürogebäude zwei Badezimmer mit wunderschönen Delfter Kacheln vorzufinden sind (vgl. Oldenburgische Beiträge zu Jüdischen Studien - Band 18, Detlef Garz & Gesine Janssen, Über den Mangel an Charakter des deutschen Volkes).

Das Unternehmen übte in dem neuen Firmensitz nicht allein die ihm anvertraute Vertretung der HAL aus, sondern nahm darüber hinaus einen Großteil der Hamburger Großschifffahrt wahr. Auch während des Ersten Weltkrieges kam die EVAG ihren Agentur- und Stauereidiensten für Hamburger Reedereien nach. Bei der Ladung handelte es sich meist um Erze, die aus Skandinavien importiert wurden und auch die Einlagerung von Militärgütern (im Schuppen III) war finanziell ein sehr lukratives Geschäft. 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden der Schuppen III und die Abfertigungshallen für Kriegsheimkehrer zur Verfügung gestellt. Ähnlich elendig wie den Heimkehrern erging es auch dem Hafen und der Emder Wirtschaft. Die Lloyd-Hallen wurden für kurze Zeit als Lloyd-Hotel weitergeführt. Später wurde dieses Hotel ähnlich wie die HAPAG-Hallen für Verschiedenes genutzt. 1923 stagnierte der Umschlag abermals, wohl nicht zuletzt der Streiks und der Inflation wegen. Und so blieb auch 1924 der erhoffte Wirtschaftsaufschwung aus. Ein Jahr zuvor hatte die Hamburg-Amerika-Linie ihre Abfertigungshallen in Emden verkauft:  

„Die Emder Auswanderungshallen der HAL sind, wie hier nachzutragen ist, am 1. Oktober vergangenen Jahres durch Verkauf in den Besitz der Firma Schramm & Hasenkamp, Duisburg, übergegangen ...“. (Geschäftsbericht der HAPAG aus den Jahren 1924/25) 


Im März überließ die HAPAG der Emder Verkehrsgesellschaft A. G. den „Elevator I“, eine Vorrichtung zum Laden und Löschen von Getreide. Mit dem Kriegsende 1918 war Ballins Lebenswerk zugrunde gerichtet. Sein Tod noch im selben Jahr scheint auf das Engste damit zusammenzuhängen: Gerüchte besagen, er habe sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Er starb im Alter von einundsechzig Jahren. 

Der verlorene Krieg forderte auch in Emden seinen Tribut: Die Emder Schiffsflotte wurde in Erfüllung des Versailler Vertrages stark minimiert. Im selben Jahr, am 16. September, erwarb die EVAG zwei HAPAG-Schlepper, die „Jantina Rensiena“ und die „Wolter Alberts“. Gezwungen durch die schleppenden Geschäfte, suchte man in anderen Geschäftsbereichen Fuß zu fassen. So wurde am 28. Oktober 1919 gemeinsam mit Herrn geheimen Baurat Mathies (seit 1913 im Aufsichtsrat der EVAG) der Beschluss gefasst, die Grundstückserwerbgesellschaft unter den Linden mbH zu gründen. Diese Verbindung wurde indessen von Herrn Mathies bereits am 18. Dezember 1919 wieder gelöst.

Die Zukunft der EVAG sah, ähnlich wie bei anderen Unternehmen, nach dem Krieg wenig rosig aus. Das Kapital der Kunden war vernichtet, und die einstige Muttergesellschaft war ihre gesamten Flotte verlustig gegangen. Schwerwiegende Entscheidungen wurden vom angeschlagenen Unternehmen verlangt. Da es Jahre dauern würde, bis sich der ursprüngliche Markt erholt haben würde und man nicht mit der Hilfe aus Hamburg rechnen konnte, musste man wählen zwischen Aufgeben oder der Suche nach neuen Märkten und Aufgaben. Die Entscheidung fiel zugunsten neuer Aufgaben und Aufsichtsrat und Vorstand besannen sich auf Vergangenes. Am 1. Oktober 1920 wurde abermals eine Binnenschifffahrtsabteilung eingerichtet. 

Bei dieser Planung schaute man erfolgreichen am Ort ansässigen Firmen über die Schulter, unter anderem Schulte & Bruns, Lenkering und WTAG. Die EVAG schaffte sich eine neue Basis, indem sie drei alte Schleppdampfer der Wehrmacht („Meppen“, „Lathen“ und „Matthies“) ankaufte, die Kanalschiffe EVAG XV (15. Juli 1921) und EVAG XII (8. August 1921) charterte, im Jahre 1925 einen Schleppkahnneubau von 1.000 Tonnen („Merkur“) bei Schulte & Bruns in Auftrag gab. Am 17. und 20. Juli 1924 wurden die Unterschriften geleistet, mit denen sich die EVAG zu fünfzig Prozent an der Emden-Rhein-Schiffahrtsgesellschaft beteiligte. Die verbliebenen fünfzig Prozent übernahm der Fendel-Konzern. Es wurden je sechs Schiffe und Schleppdampfer pro Teilhabergesellschaft eingebracht und durch die Aufnahme der Abteilung Baustoffe erweiterte sich der Wirkungsbereich aufs Vorteilhafteste. Zusätzliche Erträge flossen dem Unternehmen zum Beispiel durch die Vermietung von Lagerräumen an die Stadt Emden zu (so geschehen am 3. September 1925). 

Ein weiteres einträgliches Geschäft (im Zuge der Erfüllung des Versailler Vertrages) war die Verladung von Siemens-Teilen nach Irland in den Jahren von 1925 bis 1928. 1926 begann ein neues wichtiges Geschäft der EVAG. Nach langen zähen Verhandlungen gelang es, Holzexporte von Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Rumänien nach Holland zu transportieren. Dies vollzog sich mithilfe des Eisenbahn-Güterverkehrs, für den kostengünstige Transittarife vereinbart worden waren und holländischen Binnenschiffen und hielt bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an. Ein weiteres Standbein war die Kohleverladung. Wegen des Ruhrkampfs und der damit verbundenen Bergarbeiterstreiks wurde Kohle aus England importiert.



Mehr zur Geschichte des jüdischen Arztes Dr. Kretschmer gibt es hier: 
http://oops.uni-oldenburg.de/530/1/garueb06.pdf