HAPAG Auswanderer

Ein anderer Zweig der Seeschifffahrt wuchs unterdessen in Hamburg und Bremen stetig - die Passagierschifffahrt. Immer mehr Menschen sahen ihr Glück in der neuen großen Welt - Amerika. Wesentlich dazu beigetragen hat die geradezu explosionsartige Zunahme der Bevölkerung. Zwischen 1820 und 1900 stieg die Einwohnerzahl in Deutschland um hundert Prozent. Eine Vielzahl von Menschen geriet in finanzielle Not und war auf der Suche nach einer neuen Existenz. 

Ballins Anliegen, einen Teil dieses Auswanderergeschäftes nach Emden zu verlagern, war wohl durchdacht. Um 1912 versuchten die Fürsten Hohenlohe und Fürstenberg (im sog. Fürsten-Trust) mit einer eigenen Reederei, der Deutschen Reederei GmbH, einen Liniendienst für Passagiere von Emden nach Amerika zu organisieren. Bei diesem Versuch setzten die Fürsten auf die bekannte Vorliebe des Kaisers für den Seehafen Emden. Um diese herrschaftlichen Konkurrenten in ihre Schranken zu weisen, blieb den beiden Reedereien Norddeutscher Lloyd aus Bremen und HAPAG aus Hamburg nichts anderes übrig, als ebenfalls von Emden aus Passagiere abzufertigen. Der Plan fruchtete. Angesichts eines solchen Angebots der etablierten Reedereien, wurde der Antrag der Deutschen Reederei GmbH auf Auswandererkonzessionen abgelehnt und die beiden Reedereien konnten sich des „Angriffs“ der Konkurrenz erwehren. 

In der Konsequenz bedeutete dieser Erfolg aber auch, dass die beiden Unternehmen von nun an einen Teil des Auswanderungsverkehrs über Emden abzuwickeln mussten. Dieses Vorhaben barg ein gewisses Risiko in sich, war aber letztlich von Erfolg gekrönt: Ein Jahr später meldete die Konkurrenz Konkurs an (vgl. Kludas 1994). Genaueres zu dem Vorhaben der HAPAG und des Norddeutschen Lloyd enthält u. a. der Geschäftsbericht der HAPAG aus dem Jahr 1913, der das abgelaufene Geschäftsjahr 1912 beschreibt: 

„Der Hafen von Emden hat bisher noch nicht die Entwicklung nehmen können; wie sie der Größe seiner dem Schiffsverkehr dienenden Anlage und der darauf verwendeten Kosten entspricht. Den Wünschen der Königlich-Preußischen Staatsregierung entgegenkommend, haben wir uns, gemeinsam mit dem Norddeutschen Lloyd, entschlossen, Emden nunmehr in das Netz unserer überseeischen Linien einzubeziehen, und zwar in der Weise, daß eine regelmäßige, zunächst 14tägige Verbindung für Passagiere und Frachtgüter mit Nordamerika und eine mindestens vierwöchentliche Verbindung für Frachtgüter mit Ostasien, Südamerika und (durch Dampfer des Norddeutschen Lloyd) mit Australien hergestellt wird).“ „Wir sind gegenwärtig damit beschäftigt, in Emden die für die Abfertigung des Personen- und Güterverkehrs erforderlichen Anlagen herzustellen."
 (Geschäftsbericht der HAPAG aus dem Jahr 1912)

In einer internen Schrift der HAPAG, unter der Rubrik Auswandererhallen in Emden, ist zu lesen: 
„Am 6. Mai schlossen die HAL und der Norddeutsche Lloyd mit der Stadt Emden einen Vertrag über den Ankauf von je 18.000 qm Terrain zur Errichtung von Auswandererhallen. Mit dem Bau der Anlage wird in kurzem begonnen werden." (Geschäftsbericht der HAPAG aus dem Jahr 1913) 

1914 war der Bau des Norddeutschen Lloyd in der heutigen Hansastraße abgeschlossen, die Lloyd-Hallen, und kurz darauf öffneten die Warte- und Abfertigungshallen der HAPAG in der Cirksenastraße ihre Türen (die sogenannten HAPAG-Hallen). Die Voraussetzungen für den Auswandererverkehr ab Emden waren gegeben. 

„Am 16. April 1914 wurde dem Bau, der für die Zukunft Emdens alle Hoffnungen birgt, der Schlussstein eingefügt: der Lloyd-Dampfer Brandenburg eröffnete den Auswandererverkehr mit Amerika. Welches Interesse dem Ereignis entgegengebracht wurde, welche Erwartungen daran geknüpft werden, das zeigte der riesige Besuch des Außenhafens an jenem Tage. Von einer offiziellen Begrüßung des ersten Amerikadampfers hatte man abgesehen ...“ (Ostfriesen Zeitung vom 20. April 1914).           

1912/13 wurden folgende feste Reiserouten in das Programm der HAPAG aufgenommen: alle vierzehn Tage Passagierfahrten von Emden nach New York, einmal monatlich Frachtdampfer von Emden nach Ostasien, Australien und Südamerika. Trotz der festen Routen sah die die HAPAG nach wie vor Gefahren durch das fehlende Hinterland und so entschloss sich Ballin, die Geschäfte des Emder Hafens eigenständig zu gestalten und ihre Zweigniederlassung in eine selbstständige Gesellschaft umzuwandeln. 




Diese Entscheidung drückt sich in dem 1914 veröffentlichten Geschäftsbericht des abgelaufenen Jahres 1913 folgendermaßen aus: 
„... Unsere Erfahrungen zeigen schon heute, daß die Heranziehung von Verkehr nach diesem Hafen, der über kein eigenes Geschäft und nur ein beschränktes Hinterland verfügt, einen außergewöhnlich großen Aufwand von Mühe und Kosten erfordert. Um die Wirksamkeit für Emden möglichst intensiv zu gestalten, haben wir eine selbständige Tochtergesellschaft, die Emder Verkehrsgesellschaft A.-G., mit dem Sitze in Emden ins Leben gerufen; in ihrem Aufsichtsrat ist zu unserer Freude und Dankverpflichtung die Industrie und der Verkehr Rheinland-Westfalens durch maßgebende Persönlichkeiten vertreten.“ (Geschäftsbericht der HAPAG aus dem Jahr 1913).